Bericht von der Projekt-Präsentation in der Neuköllner-Oper

 

 

Konzept

 

 

 

Socken im Kühlschrank – Das Dementical ist ein Musical über ein brennend aktuelles Thema, welches sehr dringend stärkere Aufmerksamkeit in jeder Öffentlichkeit benötigt und dennoch in vielen Zusammenhängen stigmatisiert wird, nämlich über die Umgehensweise mit dementiell Veränderten Personen.

 

Das Besondere an Socken im Kühlschrank – Das Dementical ist der Versuch, viele Szenen mit den Mitteln des Musiktheaters aus der Sicht der betroffenen Person Liese Lehmann zu zeigen. Das bedeutet, dass, wenn die Protagonistin beispielsweise im Supermarkt nichts wiederfindet, weil sie meint, dass die Regale umgeräumt wurden, dann wurden auch auf tänzerische Weise die Regale verschoben oder einzelne Waren versteckt. Und wenn Liese Lehmann ihren Schwiegersohn für ihren Ehemann hält, der aber in Wahrheit schon längst verstorben ist, dann sieht man in der Tat ihren Ehemann Carl im Liebesduett (man hört dabei allerdings die Stimme des Schwiegersohnes).

 

Gezeigt wird der auf vielen Ebenen ebenso problematische wie schwierige Umgang mit Demenz in Gesellschaft, Verwaltung, Familie und Beruf, dabei aber immer auch mit einem guten Stück Humor bei aller Tiefe der Thematik nicht vernachlässigend.

 

Eine wesentliche Erkenntnis im Umgang mit dementiell veränderten Personen ist, dass die Entwicklung der Jugend und Kindheit in etwa rückwärts vollzogen wird. Daher ist ein wesentlicher Teil des Konzeptes, die VORWÄRTS gerichtete Entwicklung von Kindern und Jugendlichen als Kontrast dagegenzusetzen, aber auch das teils kreative Verständnis von Kindern für die Demenz zu zeigen.

 

Ein wesentlicher Baustein des Stückes ist auch die Erzählerin, Amy, die sich aus einem Enzym in Lieses Gehirn personifiziert hat, um besser wahrgenommen zu werden, die aber ganz wesentlichen Anteil an der Ursache der „Erkrankung“ hat.

 

Musikalisch werden die verschiedenen Ebenen dargestellt, sowie hintergründige Verbindungen gezogen. Die Besetzung kann dabei zwischen Akustik-Popband mit Erweiterungen (Saxophon, Klarinette, Cello, Violine), Elektro-Anteilen aus dem Synthesizer und Orchester-Arrangements gewählt werden, je nach Produktionsgröße.

 

Inhaltlich basiert die Gestaltung des Themas auf vielen eigenen Erfahrungen (z.B. im EinfachMalSingenChor für Menschen ohne und mit Demenz), aber auch zahlreichen Interviews und Gesprächen mit Angehörigen, Fachleuten und Pflegenden. Und natürlich auf ganz viel Fantasie…

 

 

 

Idee, Entstehung und Entwicklung

 

Als ich im Jahr 2014 auf die Idee kam, ein Musical über Demenz zu schreiben, hatte das ganz verschiedene Ursprünge. Neben persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen in meinem Projekt „EinfachMalSingenChor für Menschen mit und ohne Demenz“ war das die Lektüre von „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger, viele Gespräche mit meinem Kollegen Michael Becker (memento cantico) und ganz tief in der Erinnerung verwurzelt auch der Film „Zeit des Erwachens“ (u.a. mit Robert de Niro und Robin Williams). Auch die anspornende Beratung von Ursula Kriesten, Leiterin der Akademie für Gesundheitswirtschaft und Senioren (AGeWiS) und von Martin Kuchejda, Leiter der Halle32 und Co-Autor vieler meiner Musicals, haben den Willen bestärkt, das Musical über Jahre weiterzuentwickeln.

 

Die erste Fassung des Buches entstand noch im gleichen Jahr. Nach einigen Versuchen und vielen Gesprächen entschloss ich mich, das Libretto ebenfalls komplett selbst zu schreiben und dann in Lesungen mit Freunden und Kollegen weiterzuentwickeln. Da sich während des Schreibens natürlich immer wieder neue Charaktere oder Ideen in den Vordergrund drängten, dauerte dieser Vorgang bis etwa Mitte 2016. Die Komposition der Songs bin ich (im Gegensatz z.B. zu „Hagen von Tronje – ein Nibelungenmusical) in diesem Fall eher wie ein Songwriter angegangen. Ich habe die jeweiligen Stimmungen und Gefühle versucht aufzugreifen und in der Musik wiederzuspiegeln. Die ersten kompletten Lesungen mit Dialogen und Songs im Herbst 2017 gaben mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Weitere Umarbeitungen und Ergänzungen folgten und bis Sommer 2018 habe ich dann die Arrangements für ein kleines Bühnen-Orchester mit neuen Musikern fertiggestellt.

 

Gleichzeitig entstanden erste Demo-Aufnahmen mit Klavierbegleitung. Der Opener „Vorwärts“ mit den Kindern, die in die Ferien entlassen werden (Link) und das zentrale Duett zwischen Oma Liese und ihrer Tochter Birgit „Jeder Stein fängt einmal als Felsen an“ (Link) entstanden.

 

Im Herbst 2018 gab es eine erste öffentliche Präsentation im Rahmen des Pflegetages des Oberbergischen Kreises, die mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Ende November hatte ich dann die Chance, mit meiner Duo-Partnerin Elo von Knorre gemeinsam, das Stück bei der „schreib:maschine“, einer offenen Bühne für neue Musicals, veranstaltet von der Deutschen Musicalakademie, vorzustellen. Der stürmische Applaus und die begeisterten Feedbacks dort sind nun ein weiterer großer Ansporn.

 

Bis zur Uraufführung am 22.November in der Halle32 in Gummersbach bleibt noch viel zu tun. Unter anderem wird es eine personell reduzierte Fassung für kleinere Bühnen geben und diverse Auskopplungen sind in Planung.

Bei der Präsentation "Socken im Kühlschrank - Das Dementical" mit Elo von Knorre und im Feedback-Dialog mit Komponist Marc Schubring